Lottoentscheidung / Lottokratie

 

Die Idee der Lottokratie wurde in der jüngeren Literatur als alternative Herrschaftsform zu der zwar von der Mehrheit ohne Reflektion als non plus ultra gesehenen, aber mit unzähligen Mängeln behafteten sog. Demokratie1 relativ gut behandelt2.Die Grundidee der Lottokratie ist die Auswahl der Entscheidungsträger durch ein genau festgelegtes Losverfahren, dessen Kriterien man kontinuierlich den Gegebenheiten anpassen könnte. Ein derart gewähltes Gremium – von den unteren Gemeindekremien bis zu den Staatsparlamenten – hätte den Vorteil, dass die bei den herkömmlich gewählten Abgeordneten aufgrund von Fraktionszwang, Lobbyismus, Machtgier und Pfründendenken stark eingeschränkte Urteils- und Entscheidungsfähigkeit für die dem Allgemeinwohl am meisten zuträglichsten Dekrete nicht beeinträchtigt ist. An dieser Stelle sei diese Herrschaftstheorie um ein weiteres radikales Element erweitert: das Lotiudicium. Da es selbst bei einem vom Zufall bestimmten, nur für eine gewisse überschaubar kurze Zeit bestehendem Gremium aufgrund von z. B. Geltungssucht und Korruption zu unkorrekten Entscheidungen kommen kann, wäre es im Sinne des Allgemeinwohls besser, auch Entscheidungen und Dekrete per Losauswahl zu bestimmen. Als Prozedere wäre Folgendes denkbar: Zunächst werden im Gremium/Parlament per gesteuertem Zufallsgenerator für die einzelnen Ressorts Personen ausgewählt, die eine bestimmte Fähigkeit besitzen. Dieser Vorgang könnte auf meritokratischer Grundlage erfolgen. Der Begriff Meritokratie wurde 1958 vom Soziologen Michael Young geprägt und beschreibt einen Vorgang, bei dem Amtspersonen aufgrund ihrer Leistung und ihrer in bestimmten Bereichen erworbenen Verdiensten ausgewählt werden (https://de.wikipedia.org/wiki/Meritokratie). Mit der Kombination von Meritokratie und Lottokratie lässt sich vermeiden, dass wie in der Demokratie z. B. Personen Ministerposten besetzen (müssen), für die sie aufgrund ihrer Qualifikation gar nicht geeignet sind (z. B. dass ein ehemals promovierter Jurist wie von Guttenberg Verteidigungsminister werden muss). Die Mitglieder dieser Themen bestimmen (oder lassen durch Los bestimmen), auf welchen Gebieten Handlungs- oder Entscheidungsbedarf besteht. Für jedes zu lösende Problem werden mehrere (z. B. zehn) Spezialisten beauftragt, Lösungsvorschläge auszuarbeiten. Mit der Entscheidung durch Lotiudicium, d. h. Losverfahren, ließen sich viele Schwächen demokratischer Entscheidungsfindungen, die häufig durch falsch besetzte Gremien oder korrupte, an das eigene Wohl denkende Politiker und Bürokraten zum Nachteil des Allgemeinwohles getroffen werden. Mit diesem Verfahren könnte man sich aufwendige und Fehler verursachende Gremien wie z. B. Parlamente sparen. Das Gremium wählt (gerne ‚demokratisch‘) aus diesen Vorschlägen z. B. sechs (für den Einsatz eines Würfels) ihrer Meinung nach passende Lösungen aus, über die dann das Los entscheidet. In der Praxis würde sich sicher herausstellen, dass die per Lotiudicium getroffenen Entscheidungen für das Allgemeinwohl wesentlich besser wären als demokratisch getroffene.

Im November 2020 wurde in der hessischen Gemeinde Ahnatal erstmals ein Bürgermeister durch Losentscheid bestimmt. Die hessische Gemeindeverordnung sieht bei gleicher Anzahl der Stimmen dieses Entscheidungsverfahren vor: Beide Kandidaten hatten jeweils exakt 2106 Stimmen bekommen3.

  1. Von Volksherrschaft kann keine Rede sein, da Herrschaft offensichtlich ausschließlich vom Kapital ausgeht.

  2. Christopher Frey, Lottokratie (2009) S. 33 ff.: Das Losurteil wurde schon in der Antike angewandt, siehe den Begriff Demarchie bei Aristoteles, Politeia 4 (1294b). In England und den USA werden Geschworene häufig durch Los bestimmt.

  3. Frankfurter Rundschau, 26.11.2020, S. D1.

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